Verständlich erklärt: Die S3-Leitlinie zu Bruxismus

Verständlich erklärt: Die S3-Leitlinie zu Bruxismus

Was sind die Ursachen von Bruxismus und welche Therapieansätze sind erfolgreich? Die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik (DGFDT) und die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) haben im Mai 2019 eine sogenannte S3-Leitlinie herausgebracht, die du als Knirscher unbedingt kennen solltest.

Transparenzhinweise und rechtliche Absicherung

  • Werbung: Ich erwähne hier mein eigenes Buch, an dessen Verkauf ich ein kommerzielles Interesse habe.
  • Meinungswiedergabe: Der Artikel gibt meine persönliche Meinung als medizinischer Laie wieder. Er ersetzt keinen Arztbesuch.
  • Affiliatelinks: Links in diesem Artikel können Affiliatelinks sein. Was ist das?
  • Quelle Titelbild: Titelseite der S3-Leitlinie der DGFDT und DGZMK

 

Wissenschaftliche Studien aus zwei Jahrzehnten ausgewertet

Eine medizinische Leitlinie gibt Ärzten und Therapeuten Hinweise, wie sie betroffene Patienten erfolgreich behandeln können. Im Unterschied zu einer medizinischen Richtlinie ist eine Leitlinie nicht juristisch bindend. Da eine S3-Leitlinie die höchste und am gründlichsten geprüfte Kategorie einer medizinischen Leitlinie darstellt, kannst du dir schon denken, dass eine Menge Arbeit dahintersteckt. Wieviel Arbeit das war, lässt sich aus den ersten Seiten der Leitlinie erkennen. Über 30 Fachgesellschaften waren beteiligt. Die Namen der Autoren haben nicht auf einer Seite untereinandergepasst. Die meisten von ihnen sind Professoren, Doktoren oder Privatdozenten. Drei Jahre lang wurde an der Leitlinie gearbeitet und es wurden wissenschaftliche Artikel und Studienergebnisse seit 1996 ausgewertet. Ein echtes Mammutprojekt. Das Ergebnis ist ein qualitativ hochwertiges, öffentlich zugängliches Dokument – 141 Seiten kristallisierter Forschungsstand zu Bruxismus.

Warum die Leitlinie für Patienten interessant ist

An erster Stelle richtet sich die Leitlinie an Therapeuten wie Zahnärzte, Physiotherapeuten, Schlafmediziner und Neurologen. Als zweite Zielgruppe werden ausdrücklich Patienten genannt. Zu Recht. Wer unter Zähneknirschen oder Zähnepressen in der Nacht oder am Tag leidet, hat oft mit mehreren Symptomen auf einmal zu kämpfen: Kopfschmerzen, Tinnitus, Kiefergelenksbeschwerden, Verlust von Zahnsubstanz, Nacken- und Rückenschmerzen und, und, und. Es gibt eine Menge unterschiedlicher Therapieansätze, von denen einige eine Menge Geld kosten und die meistens keine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse sind. In Foren und Sozialen Medien finden sich immer wieder Berichte von Patienten, die zwar ihr Geld los sind, nicht aber ihre Beschwerden. Bevor man sich für eine oder mehrere Behandlungsmethoden entscheidet, sollte man daher wenigstens eine grobe Orientierung haben. Denn nicht alle Ansätze helfen. Manche können sogar schaden. Als medizinischer Laie und Bruxismusbetroffener solltest du dich daher nicht von den ersten Seiten der S3-Leitlinie abbringen lassen. Dort wird in Wissenschaftssprache erklärt, nach welchen Kriterien die berücksichtige Literatur ausgewählt und ausgewertet wurde. Ich habe das nicht alles verstanden und ganz ehrlich: Das ist mir relativ egal. Mir reicht das Wissen, dass gründlich und systematisch weltweite Forschungsergebnisse ausgewertet worden sind. Der Rest des Dokuments ist ganz gut verstehbar, auch dann, wenn man kein Medizinstudium hinter sich hat. Es werden einige Fachbegriffe verwendet, die man aber schnell nachschlagen bzw. googlen kann.

Konkrete Empfehlungen

Für Patienten besonders interessant wird die S3-Leitlinie ab Seite 49. Denn dort beginnt die Bewertung von Behandlungsansätzen. Auf einen Text, der die Studienlage vorstellt, folgen kurze und klare Empfehlungen. Biofeedback kann helfen, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson auch, aber das Abschleifen von Zähnen oder sonstige sogenannte „definitive okklusale Maßnahmen“ hilft nicht gegen Bruxismus. Hätte das mal der Zahnarzt gewusst, der mir das oberste Stück meiner Mahlzähne abgeschliffen hat. Oder hätte ich das mal gewusst. Dann wäre es nicht passiert. Daher empfehle ich dir dringend, wenigstens die Empfehlungen zu lesen. Das macht dir das wissenschaftliche Dokument einfach, denn ab auf S. 105 bis S. 119 steht nichts anderes als die Wiederholung aller Empfehlungen. Die schnellste Möglichkeit, die S3-Leitlinie für eine rasche Orientierung zu nutzen, besteht im Lesen dieser 15 Seiten (mithilfe des Abkürzungsverzeichnis auf S. 2). Unbedingt machen, bevor du zum Arzt gehst! Viele, aber nicht alle Behandler sind auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand.

Beispiele

Damit du einen ersten Eindruck bekommen kannst, zitiere ich hier einzelne Empfehlungen der S3-Leitlinie. Die weiteren findest du entweder in der Leitlinie selbst oder auch als roten Faden in meinem Ratgeber. Im Buch erkläre ich auch die schwieriger zu verstehenden Empfehlungen in verständlicher Sprache.

S. 111: Durch Selbstbeobachtung sollte den Patienten bewusstgemacht werden, wie häufig und unter welchen Bedingungen sie im Wachzustand die Kiefer anspannen und/oder verschieben mit oder ohne Zahnkontakt. 

S. 115: Bei Erwachsenen und Kindern sollten systemisch wirksame Medikamente zur Bruxismusbehandlung nicht gegeben werden. 

S. 117: Eine biofeedbackunterstützte kognitive Verhaltenstherapie kann zur Schmerzreduktion eingesetzt werden. 

S. 118: Für die Behandlung von CMD-Symptomen, die möglicherweise durch Bruxismus getriggert werden, kann eine Verordnungskombination aus manueller Therapie und ergänzendem Heilmittel wie Kälte- oder Wärmeanwendung erwogen werden. 

S. 118: Patienten mit Wachbruxismus sollten zu Wahrnehmungs- und/oder Achtsamkeits- und/oder Entspannungstechniken zum Selbstmanagement angeleitet werden. 

 

 

Weiterführende Links

Bildnachweis: Titelseite der S3-Leitlinie von DGFDT und DGZMK

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